05
Aug

Planung

Es ist soweit: Endlich darf geplant werden! Aber warum eigentlich? Komplexität ist doch prinzipiell nicht vorhersagbar. Also warum die Mühe der Planung auf sich nehmen, wenn es ja doch anders kommt? Die Antwort ist ganz einfach: Das haben wir schon immer so gemacht! Nein, das wäre reiner Methodismus und das blinde Befolgen von Regeln, unabhängig von Ausgangszustand und gewünschtem Ergebnis. Nein, es gibt einen sehr guten Grund, weshalb Sie Ihre Veranstaltung sehr genau planen sollten: Damit Sie später wissen, wo und wann Sie warum von Ihrem Plan abweichen, denn das werden Sie.

Zu genau sollten Sie aber auch nicht planen. Wie beim Überdefinieren von Zielen und beim Horten von Informationen steckt hinter solchen Maßnahmen die Angst vor dem Kontrollverlust. Alles planen, alle Eventualitäten vorhersagen zu wollen ist eine schlichte Überforderung des Planens und schon aus Zeitgründen unmöglich. Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit, dieser Angst zu entkommen: das Patentrezept. Abgesehen davon, dass es nicht funktioniert, kommen Sie damit einem weitverbreiteten Bedürfnis von Teilnehmern entgegen. Viele möchten Methoden, die Handlungssicherheit suggerieren.

Sie können sich leicht ein Patentrezept zusammenstellen, indem Sie folgende Fragen stellen: Welche Methoden, Übungen, Konzepte haben sich denn in der Vergangenheit bewährt? Was hat denn bei Ihren Teilnehmern verlässlich Aha-Effekte ausgelöst? Und warum sollte es diesmal anders sein? Nicht, dass solche Trainingselemente schlecht wären, aber passen sie zu dem, was die Teilnehmer an Themen mitbringen werden?

Also: Sie brauchen Plan B. Planen Sie von vornherein das Unkalkulierbare mit ein. Verzichten Sie ganz bewusst auf einen stringenten Ablauf. Gönnen Sie sich und den Teilnehmern die Freiheit, ganz spontan auf das reagieren zu können, was gerade „da“ ist. Erlauben Sie sich, mit Ihrer Gruppe dahin zu gehen, wo die Energie ist. So ist es hilfreicher, die eigene Unsicherheit aushalten zu lernen, ja, sie wie einen alten Freund zu begrüßen. Sie ist es, die lebendig erhält, kreativ macht und wach.

Diese innere Haltung ist auch ein guter Schutz vor der anderen, gegenteiligen Eventualität: Sie haben keinen Plan; Sie haben überhaupt keine Idee, mit welchen Mitteln man die Komplexitätskompetenz der Teilnehmer wirklich erhöhen könnte? Was könnten sie im Alltag anwenden: Was ist in der Kürze der Zeit nützlich? Wo müsste man ansetzen? Was wären sinnvolle Interventionen? Ihnen fällt nichts ein, der Druck steigt, man erwartet schließlich etwas für sein Geld, nämlich dass Sie liefern. Wenn Sie jedoch über genügend Ruhe und Selbstvertrauen verfügen, haben sie eine der wichtigsten beraterischen Fähigkeiten in komplexen Situationen: die Fertigkeit des Nicht-Wissens. Sie können Unsicherheit aushalten, bis Sie eine sinnvolle, befriedigende  Antwort gefunden haben, nicht eine, die die Teilnehmer lediglich ruhig stellt.

Sollten Sie über Kreativität verfügen, hilft das natürlich auch. Dass Zeitdruck einer der größten Verhinderer von Kreativität ist, dürfte bekannt sein. Anspannung führt zu Verkrampfung und am Ende hat man keine Wahl, als zu den Mitteln zu greifen, die sich schon immer bewährt haben. Hier haben wir eine besonders gefährliche Variante des Patentrezepts: Sie beruht nicht auf gedanklicher Bequemlichkeit, sondern auf Panik. Der gute Gedanke will und will nicht kommen. Ratlosigkeit fährt Gedankenkarussell: Zwei Dinge helfen.

  1. Inkubationszeit. Nachdem Sie alle relevanten Fakten zur Kenntnis genommen haben und keine Idee sich einstellen will: Stopp. Hören Sie auf. Beschäftigen Sie sich lieber mit nützlichen Dingen. Anders gesagt, lassen Sie Ihrer unbewussten Kognition die Chance. Dazu brachen Sie natürlich wieder Selbstvertrauen, das Aushalten von Unsicherheit und – Mut. Unter Druck sagen zu können; „Pause!“ ruft normalerweise heftigen Widerstand hervor, bei sich selbst ebenso wie bei anderen. Es hilft aber alles nichts: Mentale Verarbeitung braucht ihre (Ihre!) Zeit.
  1. Der Wechsel von der Logik zum Bild. Bilden Sie Analogien, Metaphern, malen Sie. Sie können nicht malen? Egal. Darum geht es nicht. Unsere Emotionen sprechen sehr gut auf Bilder an, egal, wie gut sie gemalt sind. Bilder haben die Eigenschaft, Dinge und ihre Beziehungen untereinander darstellen zu können. Außerdem verfremden sie das Abgebildete, bieten Ihnen damit die Möglichkeit, eine andere Haltung zum Gegenstand zu bekommen. Darin besteht ein wichtiger Wesenszug der Kreativität. Dinge sehen auf einmal nicht nur anders aus, sie funktionieren auf einmal auch ganz anders. Sie entwickeln auf einmal ganz andere Beziehungen untereinander und ermöglichen es Ihnen, neue Strukturen zu erkennen. Verhindern Sie diese Bilderspiele nicht, spielen Sie, träumen Sie, lassen Sie es geschehen, kontrollieren Sie nicht. Spüren Sie lieber, was Resonanz bei Ihnen auslöst. Und, ganz wichtig, versuchen Sie, auf sprachliche Begleitung zu verzichten. Verbalisierungen oder Kommentare hemmen Ihre Kreativität nur.

Auch dies ist kein „todsicheres“ Mittel, zur Lösung zu kommen. Aber mit etwas Glück kommt irgendwann ein sehr befreiender, befriedigender Moment. Heureka, ich hab’s! Selbstverständlich ist auch in solchen Momenten ein gewisses Misstrauen angebracht: auch hier kann man sich ja irren. Der beste Schutz gegenüber solchen Irrtümern ist die Aufmerksamkeit gegenüber den somatischen Markern[1]: Wie befriedigend ist das Gefühl, ist es wirklich „der“ Moment, oder hätte ich nur gern, dass er es wäre?

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[1] Dazu Antonio Damasio Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München, 2001.